Wirtschaftswachstum zum Wohl des Volkes?

In der Politik spricht man wesentlich häufiger vom Wirtschaftswachstum als vom Wohl des Volkes. Man bekommt den Eindruck unser Wohl hängt ausschließlich von unserer Wirtschaftskraft und von der Schaffung von Arbeitsplätzen durch Wirtschaftswachstum ab. Deutschland ist eine starke Wirtschaftsnation, die Masse ist jedoch in einem steigenden Maße unzufrieden. Deutsche Unternehmen verdienen viel Geld, wie sonst könnten die Reichen immer reicher werden? Dummerweise kommt das Geld aber nicht bei der arbeitenden Bevölkerung an. Warum sonst gibt es Löhne, von denen man nicht leben kann und eine zerbröselnde Mittelschicht, die Angst vor dem gesellschaftlichen Absturz hat?

Die Anfänge der sozialen Marktwirtschaft brachten Werte und Tugenden in die Gesellschaft, mit denen man sich identifizieren konnte und wohinter das ganze Volk einheitlich stand. Fleiß, Rechtschaffenheit und Genügsamkeit für den kleinen Mann korrespondierte mit Begrifflichkeiten wie “soziale Verantwortung”, „Leistung zahlt sich aus“ und „Geld verpflichtet“ für die Unternehmer und die Reichen. Diese Einheit führte u.a. zum deutschen Wirtschaftswunder und Wirtschaftswachstum etablierte sich als verheißungsvollstes Mittel zur Verwirklichung der Vollbeschäftigung.

Der Drang der etablierten Parteien nach stetigem Wirtschaftswachstum führte aber im Laufe der Jahre zu gierigen Märkten und führte schlußendlich zu kollabierenden Banken, das dem Volk viel Geld gekostet hat. Der Kapitalismus hielt Einzug in unsere Gesellschaft durch freie Märkte und wirtschaftliche Abhängigkeiten der Politik. Er hat es geschafft Grundwerte und Regeln der sozialen Marktwirtschaft auszuhebeln und zu verändern. Hieß es früher wenn ein Unternehmen insolvent ist, dass dies das „unternehmerische Risiko“ ist, ist heute von Systemrelevanz und der Rettung von Arbeitsplätzen die Rede. Das „unternehmerische Risiko“ tragen heute nur die kleinen und mittelständigen Unternehmen – das “Rückgrad unserer Gesellschaft“. Gerechtigkeit sieht anders aus.

Warum das Wohl des Volkes kein Wirtschaftswachstum braucht:

Wirtschaftswachstum bedingt die Ausbeutung der Ressourcen und damit der Natur. Immer mehr Rohstoffe werden benötigt um immer mehr und Neues zu produzieren. Diese Rohstoffe entstammen der Natur und werden mit Risikotechnologien erbeutet. Die Natur ist aber überlebensnotwendig für den Menschen. Wirtschaftswachstum schadet somit nachhaltig dem Dasein des Menschen.
→ Wirtschaftswachstum beutet die Natur und damit den Menschen aus

Wirtschaftswachstum führt immer auch zu höheren Gewinnen der Unternehmen. Gewinne fließen aber zu einem Großteil in die Taschen der Unternehmer. Wenn wir also durch Subventionen und Bürgschaften, also Steuergelder, Wirtschaftswachstum fördern, fördern wir unmittelbar den Gewinn der Reichen. So lässt sich u.a. erklären, dass die Reichen immer Reicher werden. Die „soziale Verantwortung“ oder die durch Geld auferlegte „Verpflichtung“ weicht heute der Gier nach Geld und führt zu einer ungerechten Verteilung. Eine staatliche Unterstützung der Unternehmen im blinden Vertrauen darauf, dass diese Arbeitplätze schaffen ist also falsch, da die Unternehmen in einem kapitalistischen Umfeld nicht wohltätig, sondern egoistisch handeln.
→ Wirtschaftswachstum fördert die Ungleichverteilung der Mittel

Wirtschaftswachstum bedingt stetig steigenden Konsum. Märkte werden geschaffen, damit auch Unwichtiges konsumiert wird. Werbung vermittelt schon bei den kleinsten, was im Leben wichtig ist um glücklich zu sein. Konsum macht aber unglücklich, denn Konsum bedingt Begierden und unerfüllte Begierden bedeuten Leid und Leid macht unglücklich. Nach dem Slogan „mein Auto, mein Haus, mein Boot“ ist im derzeitigen System nur derjenige von Wert, der bestimmte materielle Wirtschaftgüter sein Eigen nennen darf, wer also ordentlich konsumiert und das System am Laufen hält. „Ich bin was ich konsumiere.“ Eine Bewertung der Persönlichkeit, die bewusst oder unbewusst von den Märkten erschaffen wurde um Wachstum zu generieren. Die etablierten Parteien geben sich mit dieser ungerechten Bewertung ihrer Bürger zufrieden. Dies führt aber zu Stellungsunterschieden in der Gesellschaft und damit ebenfalls zu Unzufriedenheit.
→ Wirtschaftswachstum macht unglücklich und dient nicht dem Wohl des Volkes

Wirtschaftswachstum bedingt gerade in einer zunehmenden Dienstleistungsgesellschaft auch die Ausbeutung des Volkes. Denn um die Gewinne der Unternehmen zu steigern genügt es oft nicht, an den immer teurer werdenden Rohstoffen zu sparen, sondern es muss auch an den Mitarbeitern gespart werden. Weit über eine Millionen Menschen stecken in der Zeitarbeit fest und fühlen sich oft als moderne Leibeigne der Unternehmen. Von „sozialer Verantwortung“ der Unternehmen ist meist nichts mehr zu spüren. Soziale Unterschiede machen sich breit, das Selbstwertgefühl der Betroffenen sinkt, Arbeitsdruck und Ängste führen vermehrt zu Krankheiten und die Moral sinkt.
→ Wirtschaftswachstum macht krank und senkt die Moral

Wenn wir als Europäer bisher 40% der Ressourcen verbraucht haben und die Amerikaner ebenfalls 40%, wer will es den Asiaten und Afrikaner verwehren dies auch zu tun? Leider lässt sich der Kuchen aber nicht in mehr als 100% teilen. Daher ist ein stetiges Wachstum unmöglich. Wenn wir die Rohstoffe weiter so ausbeuten wie bisher ist dies nicht nur ignorant, sondern auch zutiefst menschenverachtend und unmoralisch gegenüber denen, die weniger haben als wir.
→ Wirtschaftswachstum ist ignorant und menschenverachtend

 

Wenn man wirklich über das Wohl des Volkes sprechen möchte, darf man sich nicht am Wirtschaftswachstum, also der Vermehrung der Gelder der Reichen messen, sondern muss die Messlatte für das Wohl des Volkes bei den Kleinsten und Schwächsten, bei den untersten Bevölkerungsschichten anlegen.

Warum nicht den Erfolg eines Staates am Glücksgefühl der Bevölkerung messen, statt an seiner Wirtschaftskraft? Wir benötigen Zufriedenheit – kein Geld. Derzeit erhält man den Eindruck, der Staat dient mehr den Unternehmen als dem Volk, denn alle Entscheidungen hängen von einem wahrscheinlichen Wirtschaftswachstum ab. Die Industrie vermittelt schon den Kleinsten unter uns: Nur Konsum macht glücklich! Es muss wieder oberstes Ziel der Politik sein diesen Eindruck in der Bevölkerung ernsthaft und mit einschneidenden Änderungen in unserem Wirtschaftssystem zu korrigieren und wieder die alten Werte wie Anstand, Respekt, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit aber auch Genügsamkeit und Bescheidenheit vorzuleben. Wenn die Elite nicht nach diesen Werten handelt, gehen die Werte auch in der Bevölkerung verloren. Unfreundlichkeit und Respektlosigkeit wird unser Leben mehr und mehr begleiten. Vielen erscheint es heute schon so.

Werte verfallen aber auch aus anderen Gründen, aus Angst, aus Stress, aus Lebensdruck und Geldmangel, aus der Erkenntnis nicht mehr auf einer gesellschaftlichen Ebene mit seinen Mitmenschen zu stehen und ausgegrenzt zu scheinen. All diese Faktoren sind meist im Faktor Geld begründet, weshalb wir notwendigerweise darüber nachdenken müssen, wie wir es schaffen, das Geld und damit Wirtschaftswachstum nicht mehr den primären Stellenwert in unserer Gesellschaft hat.

Sicher jammern wir auf hohem Niveau, aber dies kann kein Grund dafür sein nicht über eine Verbesserung nachzudenken. Und zwar über eine Verbesserung bei den Kleinen, der untersten Bevölkerungsschichten.

Im Kapitalismus bleibt zwangsläufig der Mensch und die Menschlichkeit auf der Strecke, wodurch auch Anstand und Respekt mehr und mehr verloren gehen. Moralische Werte sind nicht mehr wichtig im Umgang untereinander. Eliten handeln reihenweise unehrenwert und Vorbilder fehlen. Daher benötigen wir dringend ein Umlenken der Staatsprämisse vom Wirtschaftswachstum hin zur Moral. Ohne moralischen Anstand kann ein Wachstum nur ungerecht, ausbeuterisch und unbefriedigend sein. Ein Leben in einem solchen Umfeld kann nicht Zufriedenheit für die Massen bringen.

Sprechen wir als nicht über Wirtschaftswachstum, sondern darüber was den Menschen glücklich macht.